Russland (Russische Föderation) - unterwegs auf der Weltreise 2017

Russland (2) : Moskau - Kazan - Tolyatti - Volgograd - Astrachan - Elista - Grosny - Wladikawkas - Kaukasus
(30.07.-29.08.2017)

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Relativ zügig sind wir auf der M7 (Magistrale) unterwegs von Moskau in Richtung Osten. Diese Fernstrasse geht quer durch ganz Russland. Wir sind ja schon östlich von Moskau, aber es sind noch über 8000 Kilometer bis Wladivostock, ein Viertel des Erdumfangs! Bei Nizhniy Novgorod hat es eine gute Umfahrungsstrasse und neue Autobahn. Danach wird es mühsamer, es hat viele Staus, vor allem auch in der Gegenrichtung ist der Stau viele Kilometer lang. Die Städter kommen von ihren Datschen zurück und die LKWs starten nach dem verlängerten Wochenende (es war noch ein Feiertag zusätzlich). Tiefe Spurrillen machen das Fahren noch schwieriger. Wir wollen schon lange an einem Truckstopp stehen, aber die schönen und geeigneten Plätze sind immer auf der anderen, nicht einfach zu erreichenden Seite. Relativ spät haben wir endlich einen passenden Platz gefunden und gut und ruhig geschlafen.

Wir sind nun schon ein ganzes Stück von Moskau weg und hier hat es jetzt eine ganz andere Landschaft. Riesige Kornfelder wechseln mit Kohlfeldern ab. Hier hat man auch die Möglichkeit, von der Strasse in einen Seitenweg abzufahren ohne gleich in einem Fussweg oder gar Sumpf zu landen.
 
Die Landschaft wird leicht hügelig und ist nicht mehr so sumpfig. Es hat immer noch viele Korn-, Kohl- und Kartoffelfelder. Zum ersten Mal sehen wir den grossen Fluss Wolga bei Kozmodemyansk.
Die Wolga ist hier relativ breit, da sie auch hier zu einem See aufgestaut ist. Das Ufer, an dem wir eigentlich übernachten wollen, ist nicht sehr romantisch: Uferbefestigungen aus Beton, Kieswerke und andere Industrie, z.T. schon gar nicht mehr in Betrieb. Darum setzen wir mit der Fähre über von Kozmodemyansk nach Ozerki auf die andere Seite und finden einen Nachtplatz auf dem Parkplatz bei einer Kirche bei Ozerki abseits der Strasse.
Seit ein paar Tagen herrscht hier schwülwarmes Wetter und fast jeden Tag gibt es einen Gewitterregen oder mindestens sehr dunkelgraue Wolken.
In dieser Gegend gibt es weniger Holzhäuser als bisher. Es hat dafür Steinhäuser aus weissen Steinen mit roten Steinmustern. Die alten Holzhäuser sind meist zerfallen und unbewohnt.
Wir fahren weiter durch die Landschaft, die mit romantischen Bauerndörfern, vielen Weihern und kleinen Flüssen aufgelockert wird. Bei einer kleinen Pause am Waldrand sehen wir schon vom Weg aus die Pfifferlinge im Wald spriessen und nehmen uns vor, später selbst Pilze zu sammeln.
Über die App iOverlander finden wir einen Stellplatz in der Nähe, der versteckt im Wald abseits der Strasse liegt. Der Wald ist wunderschön und ein ideales Pilzgebiet. Leider hat es auch Moskitos. Ich verschanze mich hinter den Moskitonetzen im Auto und lese. Tobias sprüht sich mit Moskitospray ein und macht sich auf zum Pilze suchen. Nach kurzer Zeit kommt er mit vier (4) sehr schönen grossen Pfifferlingen und ca. plusminus 15 neuen Moskitostichen zurück und findet, dass wir künftig die Pilze lieber mit Rubel anstatt mit Mückenstichen bezahlen.
 
Auf unserer Karte ist der Nationalpark Mariy Chodra eingezeichnet und laut OSM-Karte sollten hier mehrere Campingplätze sein, die jedoch nicht mit dem Fahrzeug erreichbar sind. Auch die Fahrt zum vermeintlichen Parkplatz am Wanderpfad entpuppt sich als sowjetische Plattenbau-Unterkunft für Touristen im Nationalpark. An den Seen haben jeweils viele Autos geparkt und die kleinen Strände sind überfüllt mit Sonnen-badenden Russen. Bei der Weiterfahrt in Richtung Kazan leuchtet im Fahrzeug plötzlich nach einem heftigen Schlagloch die ABS-Leuchte. Das ABS geht nicht mehr, aber ansonsten ist trotzdem alles in Ordnung, denn auf die normalen Bremsen hat dies keinen Einfluss, sie funktionieren weiterhin korrekt (was wir nach einer ungeplanten Vollbremsung bestätigen können).
 
Swijaschsk war früher eine bedeutende Stadt. Heute ist es ein Inseldorf im Stausee der Wolga und über eine Dammstrasse erreichbar. Von weitem ist der Ort sehr fotogen, wie sie so in der Wolga liegt und von der Abendsonne angestrahlt wird. Aber die Stadt selber hat wenig Atmosphäre: Das wirklich alte Männerkloster wird gerade renoviert und kann gar nicht besichtigt werden. Der Ort sonst macht auf "Mittelalter-Show" und ist zugepackt mit Souvenirläden. Die Touristen werden Bus- und Schiffsladungsweise hier her transportiert. Aber der Parkplatz hat uns hier einen ruhigen Übernachtungsplatz beschert.
 
Auf dem weiteren Weg nach Kazan kommen wir schon weit ausserhalb an riesigen Neubau-Siedlungen vorbei.

Zuerst besuchen wir den Tempel aller Religionen, eine eigenartige und ungewöhnliche Religionsstätte. Hier können sich verschiedene aktuelle und alte Religionen niederlassen. Bei der Besichtigung haben wir eher den Eindruck, als ob hier eine alternative Kommune von Künstlern lebt. Sagrada Familia in Miniatur. Aber wirklich sehr eindrücklich und sehenswert.
 
In Kazan steuern wir einen bewachten Parkplatz ganz in der Nähe vom Kreml an (in iOverlander gefunden), wo wir uns ein paar Tage einquartieren.
 
Da für heute Regen angekündigt wird, beschliessen wir die Stadt und die Fussgängerzone Baumann Strasse, gem. Infobroschüre die touristische Hauptschlagader, zu besichtigen und uns den Kreml für morgen aufzusparen.

In Tatarstan gibt es viele Infos für Touristen in diversen Sprachen, z.B. auch in Deutsch.
Es regnet wirklich wie aus Kübeln und so besuchen wir nach dem Mittagessen das Sowjetmuseum. Hier werden Gegenstände des sowjetischen Alltags ausgestellt. Man darf oder soll sogar die Sachen berühren und auch ausprobieren. Wir verbringen viel Zeit dort und haben unseren Spass mit den alten Sachen. Wir beobachten andere Besucher, die sich mit Perücken, Hüten, Stiefel und Uniformen verkleiden und fotografieren lassen.
Unsere nassen Kleider sind nach dem Besuch fast wieder trocken. Zügig marschieren wir zurück zum Auto, denn es regnet immer wieder.
 
Am nächsten Tag scheint die Sonne und wir besuchen ausgiebig die weitläufige Kreml-Anlage, eine historische Festung, welche seit 2000 auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerben ist.
In der Kreml-Anlage steht auch die schöne Kul-Scharif-Moschee.
Auch eine Kathedrale steht in der Kreml-Anlage.

Wie auch im Moskauer Kreml ist hier heute noch der Sitz der Regierung, hier der Republik Tatarstan.
 
Später gehen wir zur Kreml Uferpromenade und sind dabei alleine abseits touristischer Pfade unterwegs durch einen interessanten Stadtteil mit Alt- und Neubauten.
An der Uferpromenade sitzen wir lange auf einer Bank und beobachten die vorbeiflanierenden Kazaner, die es bei dem schönen Wetter am Wochenende an die Promenade treibt. Wir müssen öfters mal schmunzeln über das Verhalten oder den Kleidungsstil. Die Herren sind wie so oft mit einer bequemen Trainerhose als "Sonntags-Ausgehhose" bekleidet, während die Damen sich herausputzen mit schönen und oft ausgefallenen Kleidern. Wir beide passen natürlich mit unseren Walkingschuhen und Rucksack auch nicht so ganz ins Sonntagsnachmittags-Promenaden-Bild.
 
Nach einem Grosseinkauf im auf eisige Temperaturen gekühlten Supermarkt verlassen wir Kazan und fahren etwas überrascht auf sehr guten Strassen nach Bolgar. Am späten Nachmittag treffen wir auf dem Parkplatz ein und eine Angestellte mit etwas Englisch-Kenntnissen informiert uns, geprüft via Google-Translator, was hier los ist und beantwortet unsere Fragen. Am Abend hat es leider wieder einmal viel laute Musik von Besuchern auf dem Parkplatz bis spät in die Nacht.
 
Bolgar war einst eine der grössten Städte Europas (50000 Einwohner im 14. Jh.) und ist ein wichtiger Ort für die Muslime, denn hier haben die Einheimischen im Jahr 922 den Islam angenommen. In einer grossen und weitläufigen Anlage können die verschiedenen Museen, Moscheen, Mausoleen etc. besichtigt werden. Seit 2012 ist das Territorium im UNESCO-Kulturerbe aufgenommen.
Am nächsten Tag besichtigen wir die Anlage. Vieles ist nicht in Betrieb bzw. geschlossen, wie einige Restaurants. Es sieht verlassen aus, obwohl jetzt Ferienzeit ist und eigentlich viele Besucher da sein könnten.
Wegen der lauten Musik vom Vorabend, übernachten wir heute auf dem Parkplatz an der weissen Moschee und dem Brotmuseum und geniessen am Abend die Ruhe.
Wir besichtigen die Weisse Moschee und das daneben liegende Brot-Museum. In der Weissen Moschee, treffen wir einen Aegypter mit Familie der in Kazan lebt. Er kann Englisch und sogar ein wenig Deutsch und führt uns durch die Moschee. An dieser Stelle ist die älteste Moschee Russlands, aber das heutige Gebäude der Moschee wurde erst 2012 fertig gestellt.
 
Das Brot-Museum ist recht interessant. Aber auch hier sieht alles etwas künstlich und verlassen aus, trotz Ferienzeit und wieder nur Russische Beschreibungen.
Beim Gang zum WC erkunden wir unfreiwillig den sehr weitläufigen Untergrund des Restaurants und finden nach durchwandern verschiedenster düsterer Kellerräume ohne Licht im zweiten Anlauf doch noch das gesuchte stille Örtchen (immerhin gratis in diesen Katakomben).
Hinter dem Brotmuseum ist eine Kamelfarm. Dank unserer LKW-Sitzposition können wir vorab schon mal über den Zaun schauen und verzichten auf einen kostenpflichtigen Besuch der Farm. Sicher hätten diese Kamele auch nur Russisch verstanden ;-)
Von der Straussenfarm in der Nähe haben wir uns mehr versprochen. Gemäss Broschüre kann man hier Strausse ansehen und auch essen und sogar Straussenfedern kaufen. Von weitem sehen wir ein paar wenige Strausse. Alles sieht etwas heruntergekommen und einsam aus. Wir verzichten auch hier auf einen Besuch.
Wir suchen in der Umgebung von Weliki Bolgar einen neuen Übernachtungsplatz. Dabei kommen wir in das Dorf Tre Ozero (Drei Seen), welches sehr heimelig und dörflich aussieht. Die Zeit scheint hier stehen geblieben zu sein. Wir finden eine Kirche an einem der drei Seen, wo es einen Waschtrog mit Wasserhähne hat. Wir benötigen wieder mal frisches Wasser. Monika fragt eine Frau, ob es Trinkwasser ist und ob wir Wasser haben können. Das wird bejaht. Aber als wir dann den Wasserschlauch installiert haben und Wasser tanken wollen, hat ein Mann das Zepter übernommen und den Wasserhahn abgestellt. Hier fehlen uns wieder mal die Russisch-Kenntnisse um dem blöden Typen unsere Bedürfnisse mitzuteilen oder einfach nur unsere Meinung zu sagen.
Deshalb übernachten wir nochmals an der Weissen Moschee und fahren am nächsten Tag weiter in Richtung Tolyatti.
 
Unterwegs nach Tolyatti machen wir wegen der Wassersuche noch eine ausgiebige aber erfolglose Rundfahrt durch einen grösseren Ort. Meist hat es an der Strasse bei jeder Kreuzung eine Wasserstelle. Da inzwischen aber viele Haushalte wohl schon mit Wasserleitungen ausgestattet sind, haben die meisten Wasserstellen nicht mehr funktioniert oder man muss an einem Hebel pumpen, was bei unseren grossen Tanks zu aufwändig wäre. Ganz abgesehen davon, ob unser Schlauch irgendwie hätte angeschlossen werden können.
In einem weiteren Ort finden wir eine funktionierende Wasserstelle, doch nach einer Kostprobe des sehr eisenhaltigen Wassers verzichten wir gerne darauf und fahren weiter.
 
Schon seit Kazan hat es immer wieder riesige Sonnenblumenfelder. Sonnenblumen soweit das Auge reicht. Oft bis zum Horizont, wo die Sonnenblumen auf den blauen Himmel treffen. So finden wir am Rand eines Sonnenblumenfeldes einen wunderschönen Übernachtungsplatz. Weit ab und unsichtbar von der Strasse sind wir völlig ungestört.
Weil niemand vorbeikam, beschliessen wir noch hier zu bleiben und legen einen Wasch-, Putz- und Basteltag bei Sonnen(blumen)schein ein.


Am nächsten Tag fahren weiter nach Tolyatti, einer Industriestadt mit etwa 900000 Einwohnern.
 
In Tolyatti finden wir endlich eine funktionierende Wasserpumpe mit gutem Wasser (53.524418, 49.40466). Viele Leute kommen meist mit dem Auto vorbei und füllen sich Flaschen- oder Kanister-weise Wasser ab. Sie bestätigen uns, dass das Wasser hier gut sei. Wir schliessen zuerst unseren Schlauch an. Da aber der Druck zu gering ist, kommt kaum Wasser in unserem Tank an und das meiste Wasser rinnt durch die undichte Pumpe auf die Strasse. Wir packen zum ersten Mal unsere elektrische Teichpumpe aus und saugen das Wasser via Ortlieb-Schüssel in unseren Tank. Das dauert eine ganze Weile bis die Pumpe die ca. 400 Liter aus der Schüssel geschlürft hat, aber es funktioniert. Wir sind froh, erst mal wieder für etwa zwei Wochen frisches und sehr gutes Wasser zu haben.
 
In Tolyatti werden die russischen Autos der Marke Lada hergestellt, ausserdem hat es ein Lada-Museum und ein Technik/Militärmuseum.

Im Lada-Museum, das sich etwas versteckt in einer scheusslichen alten Plattenbauschule aus der Sowjetzeit befindet, wird die Entwicklung der Ladas der verschiedenen Modelle bis heute gezeigt, ausserdem einige Prototypen der neusten Elektroautos.
 
Wir fahren zum Parkplatz vor dem Technik Museum und übernachten dort um am nächsten Tag genügend Zeit für die Besichtigung zu haben. Es gibt ein riesiges Gelände auf dem die typischen Militärfahrzeuge wie LKWs, Panzer, Hubschrauber, Flugzeuge der verschiedenen Jahrgänge ausgestellt sind. Obwohl wieder einmal alles nur russisch ist, ist es doch interessant, weil man zum Teil die Fahrzeuge auch besteigen kann. Anscheinend hat der 2. Weltkrieg und der Krieg überhaupt in Russland einen hohen Stellenwert. Das zeigen auch die vielen Kriegerdenkmale in den Orten.
Ein spezieller Bereich, wo nur Panzer ausgestellt sind, wird als Spielplatz für kriegsbegeisterte Erwachsene und Kinder benutzt. Mit echt wirkenden Maschinengewehren, die ratternde Geräusche machen, haben sich die Teilnehmer mit erschreckender Begeisterung gegenseitig gejagt und be- bzw. erschossen.
Auf einem separaten Areal wird auch zivile Technik ausgestellt, von Dampflokomotive zur Landwirtschaft bis hin zur Weltraumtechnik.
 
Nach den Besuch des Technik Museums fahren wir weiter zu den bekannten Shiguli Bergen in einem Nationalpark. Die einzige Brücke weit und breit über die Wolga ist tagsüber für LKWs gesperrt. Wir fahren trotzdem rüber und werden prompt von einem Polizisten angehalten. Nachdem er der Fahrzeugausweis gesehen (und verstanden?) hat und wir unser Fahrzeug als "Autohaus" bezeichnet haben, dürfen wir gleich weiter fahren.

Von den Shiguli Bergen sind wir zuerst enttäuscht, es hat Industrie, Gewerbe und grosse Wohnblocks, aber nichts das aussieht wie ein Nationalpark.
Nachdem wir eine andere Strasse erwischt haben, geht es doch noch in die "richtigen" Shiguli Berge. Trotzdem sind wir etwas enttäuscht, denn die Landschaft ist zwar schön, aber für uns Westeuropäer wirklich nichts Besonderes.
Neben einer Datscha-Siedlung an der Wolga bei Zolnoe finden wir einen Übernachtungsplatz. Die Wolga ist auch hier nicht besonders romantisch, allenfalls noch aus der Ferne gesehen. Von Nahem betrachtet ist das Ufer verschmutzt, ölig und stinkt. Für uns nicht sehr einladend, aber die Einheimischen sehen das nicht so, denn trotzdem grillt am Ufer ein Paar auf dem Holzkohlegrill Saschliks.
 
Wir fahren weiter in Richtung Volgograd und suchen auf dem Weg einen möglichen Stellplatz. Es ist nicht einfach, die schönen Plätze zu finden. Auf der Karte bzw. auf dem Navi sieht es oft vielversprechend aus, ist dann aber in Wirklichkeit ein Industriegebiet, eine Ortschaft oder sonst etwas, das gleich durch eine Schranke abgesperrt ist.

Nach Fehlversuchen haben wir aber Glück und finden einen Platz bei einem Aussichtspunkt hoch über der Wolga. Auch hier ist ein Nationalpark, aber die Landschaft sieht viel interessanter aus als bei den Shiguli-Bergen. Wir sind ungestört und geniessen den Platz mit der tollen Aussicht zwei Tage lang.
Die Strasse von Tolyatti nach Wolgograd ist recht anstrengend. Neben ein paar sehr gut ausgebauten Abschnitten hat es noch zu viele schlechte Abschnitte. Und es hat sehr viel Verkehr. Die schlechten Abschnitte haben sehr tiefe Spurrillen und sind eigentlich zu schmal für das Verkehrsaufkommen und den Strassenzustand. Entgleist mal einer kurzfristig aus einer Spurrille, dann wird es schon eng zwischen den Rückspiegeln der sich kreuzenden Fahrzeuge.
Damit es nicht langweilig wird, muss zudem jeder den vor sich Fahrenden überholen. Egal ob das Manöver gefährlich ist oder nicht (meist ist es gefährlich), oder ob der Überholende danach wieder fest auf die Bremse tritt, es muss überholt werden.
Südlich von Saratov weichen die bewirtschafteten Felder allmählich dem Grasland und der Steppe. Es wird wärmer und die staubtrockenen 34 sind draussen mit etwas Wind noch erträglich, aber hinter der Autoscheibe mit der Sonne von vorne doch sehr schweisstreibend.
 
Wir kommen nach Volgograd.
Schon von weitem sieht man die alles überragende Statue, die die grösste von Europa sein soll. Es ist die "Mutter Heimat", die auf einem Hügel bei einer Gedenkstätte der Kriegsopfer vom 2. Weltkrieg steht.
Die Stadt selbst wirkt grau (wie die Statue), alt und verfallen und gefällt uns nicht. Deshalb fahren wir, nachdem wir im Shoppingcenter nebenan mit den üblichen Verständigungsproblemen eine neue SIM-Karte gekauft haben, wieder weiter.
 
Strasse von Volgograd nach Astrachan ist überraschend gut oder sogar sehr gut. Es hat kaum Schlaglöcher oder gar Spurrillen. Zudem wenig Verkehr und deshalb auch keine Vordermänner, die ständig überholt werden müssen. Und Strasse ist wirklich breit genug.

Wir fahren etappenweise nach Süden und suchen uns jeweils einen Platz in der Steppe fernab der Strasse. Es gibt hier viele Möglichkeiten zum Stehen. Weil es jeden Tag heisser wird, machen wir kürzere Etappen und suchen schon am frühen Nachmittag einen Platz.
 
Es ist Samstag und wir kommen um 15 Uhr an einen Wolgastrand. Etwas versteckt zwischen den Bäumen haben sich schon andere mit ihren Zelten niedergelassen und wir stellen uns in eine Lücke. Die campenden Familien rechts und links sind recht friedlich, keine dröhnende Musik aus den Autos. Meist über sie ihr liebstes Hobby aus, das Angeln und Fischen. Wir geniessen die schöne Aussicht, das laue Lüftchen und die Idylle.

Auf ein erfrischendes Bad in der Wolga hat auch Tobias verzichtet, nachdem wir verschiedene ziemlich grosse Schlangen am Ufer gesehen haben.
Die Ruhe wird kurz und aber heftig unterbrochen. Plötzlich taucht eine Familie auf und marschiert vor uns an den Strand hinunter. Das Oberhaupt ist mit einer Kettensäge bewaffnet und fängt an, den Treibholz-Baumstamm der am Ufer liegt zu zersägen. Der Rest der Familie ist für den Abtransport des Holzes zuständig.
Wir haben uns vor der Abfahrt überlegt, ob wir eine Handsäge oder Axt auf unsere grosse Reise mitnehmen (haben wir jetzt aber dabei). Hier nimmt man ins Wochenende oder die Ferien die Kettensäge mit...
 
Am Samstagnachmittag kommt sich unser russischer Camping Nachbar vorstellen. Er redet pausenlos auf uns ein bis er kapiert, dass wir ihn gar nicht verstehen. Er holt einen Kollegen, der Englisch kann und wir unterhalten uns ein bisschen. Sie beide heissen Nikolaj.

Am Sonntagmittag kommen wieder die beiden Nikolajs vorbei mit einem Glas Honig als Geschenk für uns und sie laden uns zum Borschtsch-Suppe essen ein. Wir gehen mit und kommen in eine richtige kleine Zeltstadt. Die Bewohner sind ein Grüppchen Freunde, die zum Fischen hierher gekommen sind. Es sind Nikolaj der Ältere mit seiner Frau Ludmilla. Sie wohnen einige Kilometer südlich von Moskau. Er arbeitet beim Bau, was er genau macht, haben wir nicht heraus bekommen. Er hat zwei Hobbys: 50 Bienenvölker und Alkohol. Ludmilla arbeitet als Operationsschwester seit 35 Jahren in einem Militärkrankenhaus mit 600 Betten. Das andere Ehepaar ist etwas zurückhaltender. Sie ist sehr ruhig und hat sich bald zurückgezogen und (ihren Rausch aus-) geschlafen, er ist Busfahrer. Nikolaj der Jüngere spricht Englisch und ist hier unser Übersetzer, mit freundlicher Unterstützung von Google, von Beruf ist er Elektroingenieur. Er kommt aus Sibirien und lebt jetzt mit seiner Frau und drei kleinen Kindern in Moskau.
Wir essen die Suppe und sogleich wird uns ein Becher mit Selbstgebranntem eingefüllt sowie ein Becher mit Saft zum Nachspülen. Ein russischer Trinkspruch gehört mit zum Ritual, alle stossen an und dann runter damit. Der Schnaps ist stark wie Vorlauf und das Nachspülen zwingend notwendig. Es ist sehr unterhaltsam und wir werden zum Abendessen eingeladen, es gibt heiss geräucherten Wolgafisch. Wir machen noch Fotos und bevor wir gehen, bekommen wir noch einen Sack voll frisch gefangener zappelnder Wolgafische. Fische totschlagen und ausnehmen gehört nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen und so habe ich wenig Appetit auf diese Fische.
Wir sind gerade fertig damit, als Maks, der Nachbar vom übernächsten Platz anklopft und mir ein Sträusslein mit selbst gepflückten Gräsern und Zweigen und uns beiden ein Pärchen lackierte Holz Entlein schenkt. Wir sind gerührt über diesen Willkommensgruss.
Wir gehen zur abgemachten Zeit wieder hinüber. Es gibt den geräucherten Fisch. Sie haben dafür extra einen kleinen (aber für Camping sehr grossen) Räucherofen dabei. Unten drin verbrennt Holz und der heisse Rauch lässt die Fische gar werden. Der Fisch ist sehr fein und saftig, dazu gibt es Brot und sauer-Eingelegtes. Es ist ein sehr lustiger Abend. Neugierig werden gegenseitig Fragen gestellt und Nikolaj der Jüngere übersetzt eifrig. Wir erfahren viel über Russland und die Lebensweise so zu sagen aus erster Hand, über die Arbeit, die Rente, die Löhne etc. Dazwischen müssen wir uns immer wieder heftig gegen das Nachschenken von Selbstgebranntem wehren. Bevor wir uns verabschieden, bekommen wir noch die Adresse von Nikolaj dem Älteren, der uns zu sich nach Hause einlädt, wenn wir in die Gegend kommen. Die Verabschiedung ist herzlich, wie von guten Freunden.
 
Am Montag fahren wir weiter nach Astrachan. Die Strasse zwischen Wolgograd und Astrachan ist überraschend gut bis sehr gut. Kaum Schlaglöcher oder gar Spurrillen. Zudem ist wenig Verkehr und die Strasse ist auch breit genug. Da wir sehr viel auf der Strasse unterwegs sind, ist der Strassenzustand natürlich ein wichtiges Thema.
 
In Astrachan besichtigen wir den Kreml und stellen uns dann in eine Seitenstrasse am Kanal zum Übernachten. Am nächsten Tag fahren wir zum Hotel Azimut, wo man auf dem Parkplatz übernachten und auch Wasser tanken kann. Der Platz ist direkt an der Uferpromenade und man hat einen schönen Blick auf die Promenade und die Wolga. Am Tag ist es ganz ruhig und am Abend kann man die Flanierenden beobachten. Ab 22 Uhr wird es dann laut. Aufgemotzte Autos werden mit quietschenden Reifen und dröhnender Musik über den Platz geschleudert. Das Ganze geht dann bis nach 2 Uhr. Immer wieder taucht ein dröhnendes Auto auf, wohl um zu schauen ob hier noch was los ist. Der wummernde Bass lässt alles vibrieren. Obwohl die Nacht unruhig war, beschliessen wir noch einen Tag hier zu bleiben und hoffen, dass die nächste Nacht ruhiger wird.
Es ist eine Tagung im Hotel und am Morgen hat sich ein Melonenverkäufer mit seinem Auto aufgestellt. Fast jeder Teilnehmer läuft mit einer Melone zur Tagung. Wir bekommen vom Melonenhändler spontan eine halbe Melone geschenkt, die er uns ins Auto reicht.
Am frühen Nachmittag tauchen drei deutsche Wohnmobile auf und wir teilen uns die Elektrodose. Wir erfahren, dass es die Seabridgetour ist und insgesamt 18 Wohnmobile hier ankommen. Die nächste Nacht ist genauso unruhig und wir reisen danach weiter ins Wolga Delta.
 
Im Wolga Delta finden wir einen schönen Platz und richten uns am Wasser ein. Wir waschen wieder mal und geniessen nach der Arbeit das Nichtstun im Schatten.

Hier ist auch der Tiefpunkt unserer bisherigen Reise. Das Kaspischer Meer und Astrachan ist 28 Meter unter dem Meeresspiegel.
Am nächsten Vormittag taucht ein Fahrzeug mit drei Uniformierten auf. Sie wollen unsere Pässe sehen und reden auf uns ein. Wir verstehen nichts und sie ziehen wieder weiter. Einer kommt nochmal zurück und möchte Dollar oder Rubel von uns für Diesel oder sonst was, aber das verstehen wir natürlich noch viel weniger und auch er zieht bald ab.
Viele Motorboote fahren vorbei, es hat viele Vögel und morgens und abends zieht eine Kuhherde vorbei. Auch ein scheuer Hund schleicht ab und zu mal vorbei.
 
Auf der Rückfahrt führt uns das Navi in Astrachan über eine Brücke mit 5 Tonnen Beschränkung. Da keine Polizei da ist, fahren wir mit Herzklopfen drüber. Die Brücke hält und am anderen Ende steht zum Glück auch nicht die Polizei.
Und wir fahren weiter in die kalmückische Steppe und suchen uns gegen Abend einen Stellplatz in der Steppe, was gar nicht so einfach ist. Hier ist alles baumlos und kilometerweit Topf-eben. Wir müssen ein paar Kilometer von der Strasse abfahren bis wir an einem kleinen Bewässerungskanal stehen bleiben.
 
Am Sonntag fahren wir nach Elista, wo wir den interessanten buddhistischen Tempel besichtigen. Da es sonst keine Sehenswürdigkeiten hat die uns interessieren und es sehr heiss ist, beschliessen wir nach einem Einkauf im Supermarkt wieder zurück in die Steppe zu fahren und uns so langsam auf den Weg in Richtung Süden zur georgischen Grenze zu machen.
 
Wir übernachten noch einmal in der Steppe und machen uns dann auf den Weg Richtung Grosny. Wir wollen die Strecke zügig durchfahren. Nach Informationen von verschiedener Seite soll Grosny und Tschetschenien aktuell friedlich sein und eine Durchreise problemlos sein.

Seit Astrachan sind die Polizeiposten auch mit Maschinengewehren und schusssicheren Westen ausgestattet und auch Militär ist auf den Posten.
Wir fahren wieder durch endlose Steppe und kommen schliesslich an die Grenze nach Dagestan. An einem Grenzposten werden alle Ausweise kontrolliert und wir müssen uns registrieren lassen. Ausserdem wollen die Uniformierten unbedingt ins Auto schauen. Das Wohnmobil ist wieder einmal in aller Munde und als wir von der Registrierung kommen, will nochmals ein Neugieriger hineinschauen um dann bewundernd den Daumen zu heben.
Dagestan ist islamisch geprägt und sieht über weite Strecken sehr arm aus. Die kleinen Dörfer unterwegs sind einfach, heruntergekommen und staubig. Auch die Autos sind verbeulte alte rostige Fahrzeuge. Nach einer endlosen sehr schlechten Teerpiste kommen kurz vor der Grenze zu Tschetschenien durch Khasavyurt, ein grösser Ort. Hier haben wir den Eindruck, dass wir nicht mehr in Russland sind.
 
Auch an der Grenze zu Tschetschenien gab es wieder sehr freundliche Kontrollen. Sowohl in Dagestan als auch in Tschetschenien gibt es sehr viele Kontrollposten, bei denen wir aber meistens durchgewunken wurden. Bereits nach der Grenze ist wieder eine ganz andere Welt. Wir haben das Gefühl in Arabien angekommen zu sein. Wir sehen viele Moscheen, oft mehrere in einem Ort. Am Orts Ein-und Ausgang hat es grosse Tore, die mit dem Tschetschenischen Präsidenten Kadyrov und seinem Freund Putin geschmückt sind.
Auf einer sehr guten Strasse bzw. Autobahn fahren wir nach Grosny. Wir sind fast schon überwältigt von der Sauberkeit, dem Luxus und dem Wohlstand. Insgesamt macht die Stadt einen Wohlhabenden Eindruck.
Wir fahren auf den Parkplatz bei der grossen Moschee, die grösste in ganz Russland, und beschliessen hier zu übernachten. Kurz nachdem wir angekommen sind, kommt ein Mann und fragt uns nach einer Brustkorb-Röntgenaufnahme (via Google-Translator). Wir schauen verdutzt und schütteln den Kopf. Eine Weile später kommt wieder ein Mann mit seinem Sohn und möchte den Blutdruck gemessen haben. Wir verneinen wieder, bis uns plötzlich klar wird, dass unser Schweizer Kreuz auf dem Auto mit dem Roten Kreuz verwechselt wird. Uns fällt ein, dass wir in der Steppe einen beigen LKW mit LKW Anhänger mit einem Rotkreuzzeichen als mobiles Spital gesehen haben.
Später kommt noch ein Polizist vom Polizeiposten am Eck, begrüsst uns und heisst uns willkommen mit einem "Grozny no problem".

Nach Einbruch der Dunkelheit wird die Moschee und die dahinter stehenden Hochhäuser bunt beleuchtet. Wenn dann noch der Muezzin ruft, fühlt man sich schon in eine andere Welt versetzt. Die Nacht ist heiss und laut (aber nicht nervend), aber sonst okay, wir haben uns gut beschützt gefühlt.
Am Vormittag besichtigen wir die Moschee. Ich muss mich total verkleiden für die Besichtigung. Anschliessend laufen wir durch die Stadt bis zum Markt, wo ich mir einen langen Rock und einen leichten Schal für den Kopf kaufe, den ich dann im Iran sowieso brauche.
Es ist höllisch heiss und wir gehen zurück zum Auto, wo wir essen, uns vor den Computer setzen und dann unsere Papiere für den morgigen Grenzübertritt bereit machen.
 
Wir starten früh am Morgen und fahren Richtung Grenze. Unterwegs passieren wir Inguschetien. Auch hier an den jeweiligen Grenzen gibt es wieder Kontrollen, wir werden aber nur kurz und freundlich aufgehalten mit dem üblichen Fragen nach woher und wohin.

Wir kommen nach Wladikawkas. Das ist eine alt-sowjetisch hässliche Stadt mit einem breiten Industriegürtel. In der Ferne sehen wir im Dunst schon die hohen des Grossen Kaukasus. Wir nähern uns auf guter Strasse den Bergen und quetschen uns in die Darial Schlucht, wo sich auch der Grenzübergang befindet. Rechts und links steigen die kahlen Felswände senkrecht in die Höhe. Wir kommen zur Grenze, die wir zügig und problemlos überqueren.

Weiter geht es nach Georgien. Nach 60 Tagen und 5893 km Reise durch das flache Russland freuen wir uns schon darauf, in Georgien wieder mal richtige Berge zu sehen.

In einem speziellen Kapitel haben wir unsere persönlichen Impressionen über Russlands Westen zusammengefasst.
 
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